Die Fabrik in der Gaullachergasse

von Seda Uydaş

Eine schöne Geschichte aus dem Buch "Einander Geschichten vom Leben erzählen"

Als ich damals zur Schule gegangen bin, war jedes zweite Haus in Neulerchenfeld eine Bombenruine. Ich bin jetzt 90 Jahre alt und habe die Zwischenkriegszeit und den zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt. Vom Johann-Nepomuk-Berger Platz bis hinunter zum Gürtel ist der ganze Stadtteil bombardiert worden. Offiziell wurde der Bevölkerung kein Grund mitgeteilt, warum dieser Stadtteil so oft bombardiert wurde, doch wir haben es alle gewusst. In der Fabrik in der Gaullachergasse – die Gasse führt vom Johann-Nepomuk-Berger Platz zum Gürtel – sind Teile von Kriegswaffen produziert worden.
Gewohnt haben wir in der Parallelstraße zur Gaullachergasse, in der Neulerchenfelderstraße. Genau gegenüber von der Fabrik befand sich der Kindergarten und meine Volksschule war ganz in der Nähe. Ich weiß noch, dass wir damals keine Lehrkräfte hatten, die dort unterrichtet hätten. Es ist dann eine tschechische Frau gekommen, um uns zu unterrichten oder besser gesagt zu beschäftigen.
Einmal mussten wir aus unserer Wohnung raus, weil etwas explodiert war, vermutlich ein Blindgänger. Sie haben uns die Bevölkerung in der Umgebung evakuiert und im Posthaus in der Brunnengasse untergebracht. Das Haus war bestens dazu geeignet, da es drei Untergeschoße hatte. Dort haben wir unsere Zeit verbracht.
Die Leute sind mit dem Rücken zur Wand im Keller gesessen, aufgereiht, eine Familie neben der nächsten. Die Erwachsenen haben Stoffreste in Wasser getaucht und haben uns angewiesen, dass wir uns die nassen Stoffreste vor den Mund halten sollten, um uns vor dem Feinstaub zu schützen. Meine Mutter hat uns die Stoffreste vor den Mund gehalten, sie selbst hat den Staub eingeatmet. Drei Wochen lang konnte sie danach nicht sprechen, ihre Lunge war voller Staub.
Das jedes zweite Haus in Neulerchenfeld in der Kriegszeit eine Ruine war, das war eben nun mal so. Da hat sich niemand darüber beschwert. Zum Spielen und Wohnen hatten wir damals wenig Platz, aber wir Kinder waren kreativ. Wir haben in den Ruinen gespielt, dort, wo der ganze Dreck herumlag, angefangen von tausenden zerbrochenen Ziegelbrocken und spitzen Glasscherben von den zersprungenen Fensterscheiben bis hin zu Blindgängern, die jederzeit hätten losgehen können.
Wir haben dort heimlich gespielt, sind herumgehüpft und haben viel gelacht. Unsere Eltern hätten uns das nicht erlaubt. Einmal am Aschermittwoch, da ist in Neulerchenfeld Schnee gelegen. Einer unserer Freunde hatte eine Rodel. Die haben wir in die Ruine zum Spielen mitgenommen. Wir haben uns den „Berg“ und den Schnee so präpariert, dass wir gut bergab fahren konnten, drei Buben und ich war das einzige Mädchen. Eine Winterrodelbahn war das! Steil und schnell! Und unbeachtet von den Erwachsenen. Ein wunderschöner Nachmittag!

Mehrere Geschichten findet Ihr unter:
https://www.wig.or.at/fileadmin/user_upload/projekte_graetzel/PIR/2014/14_02_12_geschichten_vom_leben_Web_PDF.pdf

Nähere Informationen über Gesundheit in Ottakring gibt es im Internet unter:
http://www.wien.gv.at/bezirke/ottakring/gesundheit-soziales

Wo? Haberlgasse 76

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